 |
| Bitte Bild anklicken! |
|
Welchen Stellenwert haben Kinder und Familien in der Uni- und High-tech-Stadt Erlangen? Was ist dran am hochgesteckten Ziel, die kinder- und familienfreundlichste Großstadt Bayerns werden zu wollen? Fragen, die die Erlanger Nachrichten in den kommenden Monaten mit einer großen Serie beantworten werden. Zu Beginn ein Blick auf die Grundproblematik:
Wohnungen in angemessener Größe gibt es nicht. Brauchen sie ein Auto, muss es ein Bus sein. Ist die Steuer fällig, reicht der Platz auf den Formularen nie für den gesamten Nachwuchs. Sechs Kinder hat die Erlanger Familie Busekros — eine Großfamilie, wie es sie heute kaum noch gibt und auf die die Gesellschaft nicht mehr eingestellt ist. «Wir haben uns alle Kinder gewünscht, sagt Gudrun Busekros, Vollzeitmutter für die drei Töchter und Söhne zwischen zwei und 15 Jahren. «Die gesamte öffentliche Stimmung spricht doch gegen Familien mit Kindern, beklagt Vater Hubert Busekros.
Dass Familien in Deutschland keinen leichten Stand haben, kritisierte jüngst sogar Bundespräsident Horst Köhler, als er von Politik, Wirtschaft und Bildungswesen eine stärkere Rücksichtnahme auf Eltern und Kinder einforderte. Fachleute nennen den Zustand, den Deutschland inzwischen erreicht hat, «kinderfern - eine Gesellschaft mit wachsenden «kinderfreien Räumen.
Lieber Umzug aufs Land?
Hier wollen die Erlanger Nachrichten ansetzen und den Focus auf die Situation vor Ort richten. Wie ist es um die Kinder- und Familienfreundlichkeit in der Stadt bestellt? Fühlen sich Familien hier wohl? Oder ziehen sie lieber hinaus aufs Land?
Wir lassen Eltern zu Wort kommen, ebenso Verantwortliche aus der Stadtspitze, aus Ämtern, Einrichtungen und Unternehmen. Wir beschäftigen uns mit der Kinderbetreuung, mit der Spielplatzversorgung, mit der Ferienbetreuung. Wir stellen die Projekte des Erlanger Bündnisses für Familien ebenso vor wie die Arbeit, die in vielen familienunterstützenden Organisationen geleistet wird. Und: Wir fragen in Unternehmen nach, was sie für die Familien ihrer Beschäftigten tun.
Denn ein entscheidender Standortfaktor der Zukunft wird die Familienfreundlichkeit sein. Der demografische Wandel wird die Infrastruktur vieler Städte und Gemeinden, sowie Wirtschaft und Arbeitsmarkt nachhaltig verändern. Vielen sind die Konsequenzen aus anhaltend niedriger Geburtenrate und Überalterung nach wie vor nicht bewusst, doch an Mahnungen fehlt es nicht. Eine erst im Oktober veröffentlichte EU-Studie: «Deutschland wird im Jahre 2030 nur noch 85 Prozent der heutigen Arbeitskräfte zur Verfügung haben. Und die werden nicht optimal ausgebildet sein. Unternehmen werden in Länder abwandern, in denen sie genügend Arbeitskräfte finden.
Der Kindermangel jagt Deutschland in eine Katastrophe, die nicht mehr abwendbar ist, aber abgemildert werden könnte. Große, aktuelle Studien geben den Kommunen Hilfestellungen, indem sie allen Handlungsbedarf in punkto Familienfreundlichkeit ans Herz legen. Etwa die in diesem Jahr präsentierte Studie der Bertelsmann Stiftung «Wegweiser demografischer Wandel 2020, in der Experten die Folgen von Kinderlosigkeit und Vergreisung analysierten sowie Wanderungsbewegungen der Bevölkerung vorausberechneten.
Gute Ausgangslage
Erlangen gehört in dieser Typisierung zu den begünstigten Standorten, zu den «prosperierenden Wirtschaftszentren, so wie auch Hamburg, München, Regensburg oder Würzburg. Ihr Kennzeichen: «Eine hohe wirtschaftliche Dynamik und Prosperität, die sich seit der Jahrhundertwende auch positiv auf die demografische Entwicklung dieser Großstädte auswirkt. Sprich: Diese Städte haben einen hohen Akademikeranteil, ein starkes Arbeitsplatzwachstum, starke Gewinne bei «Bildungswanderern und Berufseinsteigern. Sie, oft Hochschulstandorte, sind jung, glänzen mit hochwertigen Arbeitsplätzen und hoch qualifizierten Kräften (Erlangen: sehr hohe 23,3 Prozent).
Allerdings leben in Städten wie diesen überdurchschnittlich viele Singles und viele, gerade besser gestellte Familien, verlassen sie in Richtung Umland — nicht anders in Erlangen. Die Geburtenraten sind niedrig, in den Innenstädten konzentrieren sich Alleinstehende, Ältere, Ärmere und Migrantenfamilien.
Was tun? Die Stiftung rät zu aktiver Integration und dazu, «Kinder- und Familienfreundlichkeit zu leben. Darunter will sie nicht nur ein entsprechendes Klima in der Stadt verstanden wissen, sondern auch ein hochwertiges Bildungsangebot, eine verlässliche und flexible Kinderbetreuung, gute Freizeitmöglichkeiten, bezahlbaren Wohnraum, die Förderung benachteiligter Kinder und die Einbindung der Wirtschaft.
Ebenso klare Worte findet der 2005 veröffentlichte «Familienatlas des Wirtschaftsforschungsinstitutes «Prognos AG: Familienfreundlichkeit sei der Standortfaktor der Zukunft, heißt es es auch hier, denn Regionen mit einem derartigen Umfeld würden davon wirtschaftlich profitieren. Untersucht wurden alle 439 Kreise und kreisfreien Städte Deutschlands unter den Aspekten demografische Entwicklung, Kinderbetreuung, Arbeitsmarkt, Bildungschancen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sicherheit und Wohlstand. Dabei punktet der Osten mit seinen guten Betreuungsmöglichkeiten, nicht aber mit seinem Arbeitsmarkt. Für West- und Süddeutschland spricht die wirtschaftliche Stärke, nicht aber der Ausbau der Kinderbetreuung.
Gerade Mittelfranken scheint eine Region zu sein, in der sich Familien vertrauensvoll niederlassen können. Viele Kreise und kreisfreie Städte finden sich in jener Gruppe wieder, der Prognos die höchste Familienfreundlichkeit attestiert. Der Landkreis Erlangen-Höchstadt wird dagegen als «klassische Mittelstandsregion eingestuft, in der es für Bildung und Arbeitsmarkt gute Noten gibt, schlechtere für Kinderbetreuung sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
«Biografische Durchlaufstation
Und Erlangen? Es teilt auch hier das Schicksal vieler Groß- und Unistädte mit hoher Verwaltungs-, Bildungs- und Dienstleistungsfunktion. Erlangen gilt, wie auch Nürnberg oder Fürth, als «Singlestadt, als «biografische Durchlaufstation. Familien mit Kindern sind eine Minderheit, andererseits lassen sich Beruf und Familie durch eine hohe Teilzeitquote gut verbinden.
Wie eine Kommune zu mehr Familienfreundlichkeit findet, muss sie an den eigenen Stärken und Schwächen ausrichten. Wie eine ganze Gesellschaft wieder mehr Freude am eigenen Nachwuchs findet, ist bislang eine Frage ohne klare Antwort. Die Fakten liegen auf dem Tisch: eine Geburtenrate von 1,35 Kindern je Frau. Notwendig wären aber 2,1 Kinder, um die jetzige Bevölkerungszahl zu halten. Dazu kommen zwei deutsche Besonderheiten. In keinem Land der Welt gibt es so viele kinderlose Menschen wie in Deutschland und ist der Anteil an Familien mit drei und mehr Kindern so gering.
Die Ursachen sind breit gestreut: Die Vielzahl an Lebensformen, die Suche nach Selbstverwirklichung ohne Störfaktor Kind, der oft nicht realisierbare Wunsch junger Frauen nach Karriere plus Familie, Arbeitslosigkeit, aber auch eine Familienpolitik, die erst in den letzten Jahren akuten Handlungsbedarf erkannte.
Denn kinderreiche Familien und Alleinerziehende haben in Deutschland nach wie vor das höchste Risiko, in die Armut abzurutschen. Die meisten Familien leben vom Einkommen eines Hauptverdieners und haben pro Kopf weniger Geld zur Verfügung als Kinderlose.
Wie rechnet doch der sechsfache Vater und Siemensianer Hubert Busekros: Blickt er auf sein Netto-Gehalt, bleibt ihm im Monat trotz Kindergeld nur wenig mehr als einem Hartz-IV-Empfänger mit Frau und sechs Kindern.
Weitere Informationen im Internet unter www.aktion2050.de und www.prognos.com.
GERLINDE GUTHMANN |